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Bermuda ...

3. May 2008 Land Ahoi!
Position: 24:03.5N, 74:32.2W

Dank Neptun wieder auf festem Boden! Nach zwei Tagen mit Starkwind aus nördlichen Richtungen, in denen Ariel nur so dahinflog. Unter dreifach gerefftem Groß (das heißt Sturm) ist sie aber auch eine Menge herum gesprungen in einer konfusen See. Muss ich sagen, dass ich ein paar neue Lecks entdeckt habe? Dann heute morgen, gerade zum Sonnenaufgang angekommen, bin ich sofort an Land gesprungen, um mich mal wieder ruhig hinzusetzen. Es fühlt sich gut an, einmal dieses Macho-Einhandsegel-Ding probiert zu haben, aber zu zweit ist doch klar besser - man kriegt etwas Schlaf! Morgen geht es nach Conception Island, einem verlassenen Vogelschutzgebiet mit vier Meilen Korallenriffs, dann nach Georgetown, dem Fahrtenseglerzentrum, wo ich meine Mama treffe!


4. May 2008 Was ein Whopper!
Position: 23:57.8N, 74:59.1W

Heute habe ich den größten Fisch der Welt gefangen. Eine 8 oder 9 Kilo Dorade. Musste richtig mit ihr kämpfen, mit Gummihandschuhen an! Hab sie aber wieder schwimmen lassen, hätte sie nie essen können vor dem Verfallsdatum.


6. May 2008 Georgetown
Position:23:51.2N, 75:07.3W

War insgesamt etwas sauer auf das Lagunenrumsitzen und das Herumgeworfenwerden allein auf hoher See. Sehr undankbar von mir. Hoffe, Ihr freut Euch zu hören, dass heute alles viel besser aussieht. Habe erstmal 14 Stunden geschlafen. Dann leichtes Vorwindsegeln. Bin wie nix angekommen auf dieser wunderbaren kleinen Insel namens Conception. Nur drei Boote vor Anker in der sandigen Bucht, keine Häuser, nur Kakteen und jede Menge Korallensand. Und dann ging ich Schnorcheln, um den Anker zu prüfen, da war er, ein anderthalb Meter-Hai kaum drei Meter von mir entfernt. Dachte, dass Angstinkontinenz vielleicht ein natürliches biologisches Abwehrmittel wäre, als er noch näher kam. Bis auf weniger als zwei Meter. Habe lange nachgedacht, ob das übertrieben ist, ist es aber nicht. Dann verlor er das Interesse an mir. George, der Große Barracuda, den ich knapp 60 Sekunden später traf, war kein Vergleich mit nur 1,20 Meter. Er trollte sich unter meinem Adlerblick. Und dann kam da plötzlich dieser komische Neanderthal-Hummer ohne Zangen. Dachte, der wäre perfekt fürs Abendessen aber ließ ihn gehen. Bin halt ein echter Softie. War auch etwas abgelenkt durch die Schulterblicke nach meinem Hai. Bestes Schnorcheln meines Lebens? (Höre mich an wie eine Heineken Reklame.)


Position: 23:30.3N, 75:46W

Bin in Georgetown nach 45 Meilen Motorsegeln von Conception Island angekommen. Liege jetzt vor Anker in ‚Kidd Cove‘, gleich neben der Stadt Hier kostet Süßwasser nichts! Bunkere also voll für Mums Ankunft morgen und ihre Duschbedürfnisse. Wir wollen zusammen eine Woche Inselhüpfen, und dann kommt der nächste Hochseeschlag, so etwa 850 Meilen oder 8 Tage nach Bermuda.


8. May 2008 Georgetown
Position:23:51.2N, 75:07.3W

Henry und seine Mum, also ich, genießen Muscheln und ein Bier in einer überfüllten, wackeligen Bar im verschlafenen George Town. Die „alte Fledermaus“ (‚Myf‘, kurz für Myfanwy Adams, Anm. d. Übers.) musterte gestern Abend auf der auffällig geschrubbten „Ariel“ an, und seitdem ist der „böse Skipper“ artig. (Irgendwelches Rumscheuchen der arglosen Crew, und ich werde ihm die Ohren langziehen.) Der Skipper sieht wettergegerbt und salzbucklig aus mit der Imitation eines Bartes. Kein Unterschied zu all den anderen bärtigen Gestalten, die in salzfleckigen Shorts mit Laptop unterm Arm herumgeistern auf der Suche nach einem freien Internet Zugang. Gut geschlafen und die hygienischen Einrichtungen von Ariel (Pütz) bisher unfallfrei getestet bin ich bereit für ein paar Tage Strolchen durch maritime Wildnis und türkise Flachs, kleine Atolle, Riffs und Buchten, bevor wir unsere Lenden gürten für den Sprung nach Bermuda.


12. May 2008 Georgetown
Position:23:51.2N, 75:07.3W

Alles perfekt! Naja, fast alles. Absoluter Backofen! Skipper kühlt sich, aber die menopausale Crew ist an Schwitzen gewöhnt. Gestern mussten wir motoren, aber heute war schönes Segeln, draußen im Sund, wo etwas frischerer Wind weht. Ich grüße alle Yachties wie alte Bekannte, obwohl ich die meisten zum ersten Mal sehe. Sie sehen alle gleich aus (Skipper eingeschlossen, nur etwa 40 Jahre jünger als der Rest) - eine ozeanische Art alter Sonderlinge. Konversation ist manchmal etwas schwierig, weil unser Skipper nuschelt und die Sonderlinge großenteils etwas schwerhörig sind. Ernährung: Nun ja, etwas rudimentär auf „Ariel“, und doch ist der Skipper stolz auf seine Kulinarik. Ich wundere mich selber, was wir hier so zusammenbrutzeln ohne nennenswerte Ausrüstung. An Land haben wir es bisher nur zu Schneckenmuscheln und Zackenbarsch Fischstäbchen gebracht, die gibt es nämlich überall (im Prinzip alles gleich - zermatschter Fisch). Aber heute Abend haben wir diese paradiesische Beach Bar gefunden, wo es so genannte Delfinsteaks gab (keine Sorge, nicht wirklich Flipper), und das war himmlisch! Wir sind bis Norman‘s Cay hinausgekommen. Die Exuma Cays sind eine Kette kleiner Inselchen und Felsen, meist völlig kahl, mit nur ein paar bewohnten Buchten. Und so ist es eben hier, bei unserer Beach Bar. Wir machen soviel wie möglich aus dem kulinarischen Angebot, bevor es wieder tagelang Pasta mit Dosensoße geben wird. Höhepunkt: Ankern bei irgendeiner einsamen Insel, an Land schwimmen zur Leguan Beobachtung. Einer startete sofort in unsere Richtung, da habe ich mich gut freigehalten und den Skipper die Bekanntschaft schließen lassen. Habe auch die verwilderten Schweine auf einer anderen Insel verpasst, obwohl ich sie habe quieken hören. Schwimmen inmitten tausender kleiner bunter Fische in der Thunderball Grotte: Ich hatte gehört, man müsse erst drei Meter tief tauchen, um in die Grotte zu gelangen. Und ich hatte noch nie mein Gesicht mit einer Tauchermaske richtig ins Wasser gesteckt, ohne Panikattacken zu bekommen. Als wir aber an die Höhle herangeschwommen waren, war ich euphorisch („Eureka, ich kann schnorcheln“), und darüber, dass wir gar nicht tauchen mussten, um hineinzukommen. Drinnen wurden die von uns zu Stars erhobenen Bewohner so übermütig, daß einer den Skipper in den Rücken zwickte. Aber der magischste Ort von allen war ein Korallenausläufer hier, an dem wir stundenlang schnorchelten. Es war so voller Fisch da wie in einem komprimierten Naturfilm. Ein großer Rochen schwamm unter dem Boot, und große, feiste Rote Seesterne überall, und dann letzte Nacht, dieser Nonnenhai, der dauernd unterm Boot lungerte. Das Wasser war so klar und durchsichtig und türkis wie in einem Schwimmbad, aber wir konnten uns doch nicht entschließen, reinzuspringen, obwohl Nonnenhaie ja harmlos sein sollen. Und heute, draußen im Sund, beobachteten wir über eine Minute lang einen Atlantischen Segelfisch, der mit seinen gut drei Metern Länge aus dem Wasser schoss und einen anderen, vielleicht sechzig Zentimeter langen, Schlanksilbernen verfolgte. War das Aufregend! Und dann per Gummientchen (Dinghi) zurück zu unserem Schwimmenden Palast!


Position: 24:42.5N, 76:49.3W

Morgen geht es los nach Bermuda! Das Wetter scheint brauchbar: Erst zwei Tage Kreuzen, dann soll es raumen und uns rüberblasen. Keine Sturmwarnungen, gut gebunkert, Batterien geladen, bleibt nur noch, das Vorluk mit Dichtmasse zu schalken und ein paar hartnäckige Leckagen gleich mit zuzukleistern.


14. May 2008 Mittagszeit
Position: 24:45.2N, 75:39.2W

Kämpfen uns gegen einen Nördlichen von der Bahama Küste frei, dann weiter kreuzen, die ganze Nacht, um die Lücke zwischen Eleuthera und Klein San Salvador zu erwischen. Alles seefest und wir voll bis obenhin mit Stugeron - also nicht seekrank!


15. May 2008 Mittagszeit
Position: 25:02.3N, 74:23.3W

Weiter hart am Wind - wird eine raue Überfahrt. (Ich hasse, hasse kreuzen) aber endlich dreht der Wind ein bisschen nach Ost, sodass wir fast Bermuda anliegen können, „nur“ 673 nm entfernt.


16. May 2008 Mittagszeit
Position: 27:43.2N, 71:24.2W

Nettes kleines Mittagessen aus Obstkuchen und einer Orange. Die Angelleine ist achteraus, aber wir fangen nur Seegras. Und endlich: Hier ist der Wind, den wir wollten - SW4 - der uns hübsch schnell nach Bermuda blasen sollte - vielleicht nur vier Tage?


17. May 2008 Wir kommen näher
Position: 28:20.2N, 69:30.2W

„Super Segelbedingungen“ ruft der Skipper und grinst von einem Ohr zum anderen. „Ja, ja“ denkt sich die Crew, während wir schlingernd von einer Welle heruntersurfen. Mit den Füßen stoppe ich die Waschschüssel, die gerade ihren Inhalt ins Cockpit schwappt, eine Hand hält die Spülbürste, während die andere krampfhaft nach irgendeinem Halt sucht, alle Muskeln fortwährend angespannt sind (besonders alle Schließmuskeln). Das ist fortgeschrittenes Pilates...
 

18. May 2008 Mittagszeit

Tja, heute alles anders. Wir pudeln hier so rum, auf spiegelglatter See mit einer sanften, langen Dünung und nur einem Seufzer Wind. Sehr angenehm. Heute Morgen sogar Haare gewaschen und solar-geduscht, wenn auch sitzend im Cockpit, darum jetzt wieder zu allem bereit. Es fällt schwer zu entscheiden, was besser ist: bequem voranzutrödeln und zu hoffen, die Bermudas bis zur Pensionierung zu erreichen, oder doch lieber daherzurasen wie ein kreischender Brummkreisel, nass, voller Angst und Muskelschmerzen von der Anspannung, aber nur wenige -zig Stunden bis zur Ankunft. Ein nettes Mittelding würde mir gefallen... Insgesamt hatten wir bis jetzt Glück mit dem Wetter. Jetzt hoffen wir freilich auf etwas mehr Wind, um uns gerade soviel voranzubringen, dass wir Mittwoch in Bermuda sind. Mir wird es jetzt wirklich zu lang. Wenigstens ist keiner von uns seekrank. Glaube, das liegt an der Menge des guten alten Stugeron in unserem Blut - weiter so, alter Freund! Mein anderer Freund heißt „Pütz“. Eine Hassliebe, wenngleich ich nicht annehme, dass ihm das was ausmacht, egal wie vertraut wir miteinander sind. Der Skipper versteht nicht, wieso ich immer in Gesellschaft von „Pütz“ sein muss. Hoffe, zu erleben, wenn sein Muskeltonus im Alter schlapper wird, um ihn dann auszulachen! Aber um gerecht zu sein, er hat heute dank der Flaute ein kleines Kombüsenwunder vollbracht, knuspriges Eierbrot mit Schinken, Käse und Tomaten zu Mittag. Was ein Fest, gemessen an der üblichen Verpflegung. Er ist jetzt ein Teil seines Bootes, Osmose nehme ich an, nach all der langen Zeit auf dem Hintern im Cockpit. Henry formt sich seinem Boot an. Letzte Nacht auf Wache habe ich meinen ersten Fliegenden Fisch an den Kopf gekriegt. Autsch!


19. May 2008 Endlich Wind!
Position: 30:08.4N, 68:05.8W

Durchschnittsgeschwindigkeit jetzt über sechs Knoten. Hoffen ,Mittwochmorgen da zu sein!


23. May 2008 Bermuda!
Position: 32:17.5N, 64:47W

Freuden des Landlebens! Jetzt, wo das Land endlich aufgehört hat, zu schwanken. Sehr früh gestern Morgen sind wir hereingeschlüpft, nach einer ungemütlichen Nacht mit unsteten Winden, Gewitterwolken, Blitzen und gelegentlichen Sintfluten. Da ich mein Morgen-tête-à-tête (oder Po-à-Rand) mit „Pütz“ so lange aufgeschoben hatte, gab es am Ende keine Alternative mehr zu öffentlicher Nacktheit im Cockpit. Es fühlt sich schon recht verletzlich an, wenn man mitten auf dem großen Ozean in einem schaukelnden Cockpit nackig auf einem kippeligen Eimerchen sitzt, bei strömendem Regen und mit Blitzen rundherum. Armer Henry - wie erleichtert er sein muss, seine Ariel wieder für sich allein zu haben. Keinem Skipper mit Selbstachtung sollten nackten Körperenden seiner Mutter im Boot zugemutet werden. Wir sind im Himmel angekommen! Mark Twain, der oft im Winter per Boot hierher kam, sagte, er würde jederzeit durch die Hölle reisen, um in diesem Himmel zu landen. Wir feierten uns mit Kaffee und Brötchen an Land, da es Frühstückszeit war und einem kleinen Drambuie auf „Ariel“. Dann sollte es beschwingt weitergehen, durch den Binnenwasserweg in den Sund hinter den Riffs hinein und rüber bis nach Hamilton, zum Royal Bermudan Yacht Club. OK, es war windig, aber es war ja nicht weit, und wer braucht schon für eine so kurze Passage Ölzeug? GROSSER FEHLER! Wir brauchten mehrere Stunden, um den Sund zu kreuzen, immer gegen 6 bis 7 Bft, in Böen bestimmt 8. Schlimmer als alles, was uns bislang auf dem offenen Atlantik begegnet war, und so waren wir klatschnass, müde und durchgefroren. Aber es war die Mühen wert! Ein wunderschöner Club, die netten Leute hier, ich habe ein Zimmer mit einem Bett, das nicht schwankt und, Freude über Freude, eine eigene Toilette. Natürlich bin ich nur hierher ausgewichen, um Henry etwas mehr Platz auf Ariel zu lassen. Die letzten Tage auf See waren etwas ereignislos gewesen, wie Tage auf See meist so sind. Dennoch hatten wir ein paar „Begegnungen“: Eine ungemütlich nahe mit einem Containerschiff, das ein paar hundert Meter an uns vorbei stob, nachdem wir ein rasches Ausweichmanöver gefahren waren. Bei der anderen werden wir nie wissen, wie nahe sie war. Ich saß im Cockpit und genoss die Sonne und die ruhige See mit der Nase in einem spannenden Buch, als der Skipper plötzlich von unten kam und wortlos auf eine große Gestalt hinter uns wies, die gerade im schwülen Dunst verschwand. Das sah für uns wie eine Ölplattform aus, und wir waren ganz dicht vorbeigesegelt, ohne dass ich etwas bemerkte. Ich kann mir die Ölarbeiter vorstellen, die an ihrer Reling hingen und ungläubig auf das kleine Boot mit der alten Schachtel mit Strohhut an der Pinne mitten im Atlantik starren. Das war echtes Abenteuer! Ich bin froh, das alles erlebt zu haben, aber auch froh, nicht weitermachen zu müssen. Hut ab für die Erstcrew Tim Fosh und meinen bald hier für die Fahrt auf die Azoren erwarteten Nachfolger Jez. Beide genießen (?) längere Etappen als ich. Und ich bin voller Bewunderung für meinen Skipper trotz anders wirkender Demonstrationen mit „Pütz“.

(Übersetzung: Michael Hundrup)

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