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Heimwärts ...

Die letzte Etappe von "Ariels" Atlantiktörn ging von den Azoren heim nach England. Der Plan war, nonstop Teignmouth in Devon anzulaufen, wo mir als Kind meine Großmutter das Segeln beigebracht hat, und wo sie noch immer wohnt. Das ist eine Strecke von 1250 Nautischen Meilen, für die ich 11 oder 12 Tage veranschlagte. Ich war ja schon früher dieses Jahr 800 Meilen alleine von St.Martin zu den Bahamas gesegelt und hatte es genossen. Also beschloss ich, auch diese letzte Herausforderung allein anzunehmen - zu zweit ist es ja auch zu einfach in so einem stabilen Folkeboot!

Frisch verproviantiert mit zwei Säcken Zwiebeln, einem Sack grüner Tomaten, sechs Laiben Brot, Dosen, Gläsern und noch mehr Dosen (und auch ein paar Äpfel, um Skorbut vorzubeugen, haha [Henrys Elternhaus ist ein Apfelbauernhof in Devon, Anm. Übers.]), setzte ich am 22. Juli meine Segel. Es war ein bedeckter Himmel, und eine flaue Hochdruckzelle schien auf meiner ganzen Route zu liegen. Natürlich hoffte ich, dass das Hoch bald zusammenbrechen und es danach Wind geben würde, aber ich hatte doch vorgesorgt und mir mit einem neuen Extrakanister von 25 Litern, also insgesamt 80 Litern Benzin etwa 80 Stunden Motorreichweite eingekauft.

Recht schnell schon war ich außer Sicht von Land. Eine leichte Brise kam auf, und es ging ein paar Tage lang recht gut voran. Endlich sah ich auch meine lang ersehnten Wale! Das ganze Jahr schon hatte ich sehnsüchtig nach ihnen Ausschau gehalten, und hier, am 24. Juli, sprangen zwei Buckelwale nur eine halbe Meile entfernt von mir hoch aus dem Wasser. Am selben Tag musste ich auch fast einen Schiffbrüchigen retten. Ich saß so unter Deck und schrieb mein Logbuch, als ich plötzlich ganz sicher meinte, von draußen ein Pfeifen zu hören. Ich sprang hoch und suchte eine kleine Ewigkeit die Wellen ab. Vergeblich. Ich muss so ausgesehen haben wie der Typ im “Weißen Hai”, wie er so allein das Meer absucht, und dann merkte ich, dass das Pfeifen von dem Kugelschreiberdeckel in meinem eigenen Mund kam...

Dann erstarb mir der Wind: "Langsam geht’s, laaangsam, laaaanngsaaaam… seit 18 Stunden oder so geht es hier mit nur 2,5 Knoten weiter. Alle weißen Segel oben vor einem schwachen Süd mit 1 bis 2 Bft., aber bei einem ungemütlichen Schwell vom Westen. Bei diesem Speed und diesem Kurs könnte ich im Oktober in Island ankommen."
Andererseits war das flaue Wetter praktisch, um das Großsegel noch mal nach zu nähen, da wo (schon wieder) beim Schiften der Bullenstander hängen geblieben und ein Saum aufgegangen war. Also Segelbergen vor dem Wind. Ich hatte mir angewöhnt, dafür in die achterliche Reffkausch einen Karabiner einzuschlagen, damit ich das Segel schneller bändigen konnte. Diesmal nur einmal kurz daran gezogen, und schon hatte ich das Segel fast in zwei Teilen daliegen. Also hatte ich jetzt jede Menge Arbeit gegen die Langeweile. Und frisches Fleisch bekam ich auch. Es gelang mir nämlich, einen ganz hübschen Thunfisch zu fangen, der so feist war, dass er für vier Abendessen reichte: Fischsuppe, danach Fischeintopf, noch Eintopf und zum Schluss Fischcurry, einfach jedes Mal etwas Gemüse und Gewürz nachgeworfen!

Mitten auf dem Weg hatte ich zwei oder drei Tage Regenwetter, und so zog ich mich unter Deck auf meine Koje zurück, wo ich mich mit einem Stapel Bücher und Schokolade unterhielt, bis ich endlich mein Kabinenfieber entwickelte. Nach etwa sechs Büchern hörte aber der Regen auf, und stattdessen berichtete der Wetterservice von stürmischem Wind, der auf mich zukäme. Tatsächlich wurden es aber kaum mehr als fünf oder sechs Bft, aber ich machte mir viel mehr Gedanken über das Kontinentalschelf. Etwas Starkwind würde die Langeweile vertreiben und mich so schnell vorantreiben, dass aus den letzten vier Tagen vielleicht nur drei würden. Aber die Gegend, in der ich gut aufpassen müsste, wäre die, in der der Meeresboden sich von 2000m Tiefe auf gerade mal 150m ansteigt. Das macht oft ganz fürchterliche Dinge mit dem Seegang. Gewaltige Grundseen, Kreuzseen können auftreten, die aus dem Nichts kommen und sich nach allen Seiten zugleich brechen. Ein rascher Blick auf die Karte zeigte, dass ich heute Abend gerade bei einem Beinahe-Sturm das Schelf passieren würde. Na perfekt!

Ich bemerkte die Störungen in der See auch ganz bestimmt, als ich das Kontinentalschelfgebiet passierte, an einem definitiv verstörten Wellengang, aber doch nichts Gefährliches. Für die letzten paar Tage galt meine Hauptsorge dann dem Schiffsverkehr. Solange ich auf See war, hatte ich lediglich alle paar Tage mal ein Schiff gesichtet, doch jetzt hatte ich die schrecklichen Verkehrstrennungsgebiete sowohl an meiner Süd- wie auch an der Nordseite, zudem noch mengenweise Fischereifahrzeuge, die den Englischen Kanal in alle Richtungen befahren. Der Wind blieb stabil bei etwa fünf Bft von achtern, und so machte Ariel exzellenten Speed unter ihrem lang gewohnten Vorwindrigg – doppelt gerefftes Groß und ausgebaumte Fock. Als der Verkehr zunahm, piepte mein "MerVeille" Radar Detector (ein absolut notwendiges Ausrüstungsteil) immer und immer öfter. In meiner letzten Nacht auf See, dem ersten August, meldete es fast ununterbrochen Fahrzeuge nahe bei. Ich dachte zuerst, es müsse wohl falsch anzeigen, da ich keinerlei Positionslichter sichtete. Doch dann erkannte ich, dass ich mitten in einem ausgedehnten Nebelgebiet segelte, ohne jedes Mondlicht – furchtbar! In der Nacht schlief ich gerade mal viermal knapp eine halbe Stunde und starrte ständig in den schwarzen Nebel, nach echten oder eingebildeten Lichtschimmern. Mit der Dämmerung aber kam die Sonne heraus, eine nette Brise ließ mich erstmals ausreffen, und schon bald sah ich britisches Land, zum ersten Mal seit Juli 2007. Ich hielt fest: "glorreiche letzte Stunden in hellem Sonnenschein, entlang der Küste von Salcombe, an Dartmouth und Torbay vorbei, und hinein in den Teign. Ich duschte, fing ein paar Makrelen fürs abendliche Grillen und trank ein Bier, gekühlt im Englischen Kanal, zum Mittagessen unter Segeln. Warum nur auf den Ozean segeln, wenn es in der Nähe der heimatlichen Küste so ruhig und lieblich ist?"

Meine ganze Familie stand oben auf dem weithin sichtbaren Ness Cliff mit einem Banner "Welcome Home", und ich segelte um 17:30 Uhr, am Samstag den zweiten August, in den Fluss Teign hinein und mitten in einen überwältigenden Empfang. Eine Blaskapelle auf eine Yacht, hunderte von Leuten am Strand und sogar ein Lautsprecherwagen. Vielleicht hatten der Auflauf und die Festlichkeit auch ein bisschen mit dem lokalen Water Carnival zu tun, der gerade an diesem Nachmittag stattfand. Ich machte Ariel an dem Besucherponton und fläzte mich in einen großen, bequemen Liegestuhl im Garten meiner Tante, direkt am Fluss und genoss einige Drinks und ein herrliches Grillen mit der Familie, einfach glücklich, wieder daheim zu sein.

Seit wir England verlassen haben, hat Ariel über 10.000 Seemeilen hinter ihrem Kiel gelassen und elf Länder besucht. Von der rasend-wilden Überfahrt unterm Passat bis zum sanften Motorsegeln im Bermuda-Dreieck sind wir fast ausschließlich vorm Wind und raumschots gefahren, und die stärksten Winde waren etwa acht Bft in tropischen Gewittern und in dem Fats-Sturm zwischen Bermuda und den Azoren. Die Baumniederholertalje ist mindestens fünfmal gebrochen und wird nur noch von Behelfslaschings gehalten, und das Großsegel ist viermal an den Nähten geplatzt und wieder repariert (es war auch schon recht alt). Ariel war der Sache zu jeder Zeit vollkommen gewachsen, und ich habe mich auf See nie in Gefahr gefühlt (nur bei Hafeneinfahrten!).

 

Die karibischen Inseln waren faszinierend, wenn ich auch immer schmerzlich gespürt habe, wie weit die Yachtkultur von der lokalen Landeskultur entfernt ist. Mein Lieblingsgebiet waren ohne Zweifel die Bahamas – geschützte Gewässer, hunderte von wunderschönen Inseln, kristallklares Wasser... dicht gefolgt von den Azoren mit ihrem üppig-grünen Hügeln, freundlichen Menschen und Tradition voller Booten und Seefahrt. Doch jetzt ist es Zeit, Ariel aus dem Wasser zu heben, Ihren Bauch zu schrubben und die lange Liste zu beginnen, auf der dann steht, was an Kleinigkeiten alles zu reparieren und zu warten ist, bevor es wieder auf Tour gehen kann. Vielleicht geht es dann mal in die Ostsee, um ihren Geburtsort Kerteminde zu sehen?

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